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Wen H.
Chang und sein Sohn Boyong Chang, 17 Monate |
Wen H.
Chang, 41, arbeitete im 72. Stock des Nordtums des World
Trade Centers. In der Früh des 11. Septembers war er gerade auf direktem
Weg zu seinem Arbeitsplatz, bis sich sein Leben auf einmal total
verändern sollte.
Wie
jeden Tag stieg am Dienstag Morgen um 8:55 aus der U-Bahn uter dem World
Trade Center. Als ich mit der Rolltreppe nach oben kam, evakuierte die
Polizei bereits die gesamte Gegend. Die Polizisten schrien herum, einer
von ihnen schon fast mit einem panischen Klang. Ich ging nach draussen
und stellte mich zu einer Menschenmenge, die sich vor dem Postamt
gegenüber des World Trade Centers versammelt hatte. Ich blickte nach
oben und war ziemlich entsetzt über das Ausmaß des Feuers im Nordturm.
Das Feuer brannte etwa vom 90. Stockwerk an nach oben – über meinem Büro
im 72. Stock. Da das Feuer nach oben brannte und der Rauch nach oben
stieg, dachte ich mir, daß es der Feuerwehr vielleicht gelingen würde,
das Feuer löschen, bevor es zum Dach durchgedrungen ist. Ich dachte mir
noch, die Chancen stünden gut, daß ich mir, nachdem alles gelöscht
wurde, mir meine Unterlagen aus dem Büro im 72. Stock herausholen
könnte.
Dutzende Menschen fallen
wie Säcke aus den Fenstern
Aber das Feuer wurde immer
größer und die Rauchschwaden immer dicker. Der Rauch mußte zu diesem
Zeitpunkt wohl schon in allen Stockwerken über dem Feuer sein. Es war
wohl noch sehr viel Kerosin vorhanden, welches noch verbrennen würde.
Ich bemerkte, daß etwa auf der Höhe des 105. Stocks, Leute mit weissen
Tüchern aus dem Fenster of winkten – um sich aufmerksam zu machen.
Plötzlich wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben Augenzeuge, wie aus
der Höhe des 100. Stocks jemand aus dem Fenster sprang. Ein paar
Sekunden später folgten zwei mehr. Die Menschen um mich herum fingen an
zu schreien, viele Frauen wandten sich ab und weinten bitterlich. Und es
sprangen noch mehr Menschen aus dem Gebäude, von der Ost- und der
Nordseite. Diese fliegenden Körper konnte man so deutlich erkennen und
die Zeit, wie lange sie in der Luft waren, erschien zu lang für uns, zu
begreifen, was wir da gerade vor unseren Augen hatten. Im tiefsten
meines Herzens fühlte es sich an, als hätte man mit einer Rasierklinge
reingeschnitten und ich begann zu weinen. Diese Leute müssen keine
andere Wahl gehabt haben. Sie standen vor der Entscheidung entweder zu
verbrennen, zu ersticken oder sich mit einem Sprung aus dem Fenster in
die Unwahrscheinlichkeit zu stürzen, das Auftreffen auf dem Boden zu
überleben. „Sie bräuchten nur so etwas wie feste Schaumstoffmatten auf
dem Platz vor dem World Trade Center“, dachte ich mir. Durch den vielen
Rauch, der nach oben wich haben sie vielleicht nicht gesehen, ob am
Boden etwas für sie aufgebaut wurde, was den Fall abbremsen könnte. Aber
vielleicht dachten sie mit dem Sprung wenigstens einen Funken Hoffnung
auf’s Überleben zu haben.
Unfaßbar: Ein weiteres
Flugzeug stürzt in den zweiten Turm
Plötzlich sah ich ein
Flugzeug, wie aus den Nichts erscheinen, in den Südturm stürzen. Das
ging alles so schnell, daß die Menge nicht einmal Zeit hatte, darauf zu
reagieren. Keiner sagte etwas, keiner schrie. Durch den Aufschlag
bedingt, sah ich grosse Massen von Schutt und Gebäudeteilen nach unten,
direkt in meine Richtung, fallen. Alle um mich herum warfen sich sofort
auf den Boden und versuchten sich mit Ihren Händen vor den
herabfallenden Teilen zu schützen. Wir lagen da alle aufeinander. Ich
konnte den Aufschlag mehrerer Trümmer in meiner unmittelbaren Nähe
spüren. Vermutlich wurde auch die Frau, die über mir lag getroffen. Als
es vorbei war, standen alle auf, hoben schnell Ihre Brillen und
Handtaschen auf und liefen in Panik davon. Für ein paar Sekunden rannten
wir alle wie die Pferde davon.
Trümmer liegen brennend auf
der Straße
Die Panik dauerte aber nur etwa 20 Sekunden an, bis wir alle
feststellten, daß es wohl keine unmittelbare Gefahr mehr für uns gab.Die
meisten drehten sich um und versammelten sich erneut, um dem Feuerspiel
in den nun beiden Türmen zuzuschauen. In den nächsten 6-7 Minuten habe
ich mindestens 15 weitere Menschen gesehen, die aus dem Nordturm aus der
Höhe von etwa dem 100. Stock gefallen sind. In diesem Moment wurde mir
speiübel und ich beschloß, die unmittelbare Nähe des World Trade Centers
zu verlassen, um diese menschlichen Tragödien nicht weiter ansehen zu
müssen. Ich drehte mich um und lief nordwärts. Etwa einen Block weiter
sah ich zu meiner Verwunderung, zerbrochenes Glas, brennende Reifen und
rauchende Metall-Trümmer auf dem Bodern herumliegen. Ich vermutete das
Werk von Plünderern. Ich fragte einen Mann, der gerade in der Nähe war,
woher dieses Zeug herkam. Er erzählte mir, daß diese Trümmer durch die
Luft geflogen waren, als der zweite Flieger den Südturm getroffen hatte.
„Du meine Güte“ dachte ich. Das waren zum Teil ziemlich schwere Trümmer.
Ich war heilfroh, daß ich nicht von einem dieser Teile getroffen worden
bin. Irgendjemand zeigte auf ein Gebäude, dessen zerstörte Häuserecke
wohl von einem der durch die Luft geflogenen Teile getroffen wurde. |
Ich
dachte nur noch an Flucht
Jetzt wollte ich dieses Gebiet erstrecht so schnell wie möglich
verlassen. „Das muß das Werk von Terroristen gewesen sein“, ging mir nur
durch den Kopf. Wie groß waren die Chancen, daß beide Türme zufällig
getroffen worden sind? „Gleich Null“. Ich machte mich auf den Weg – weg
vom World Trade Center. Schätzungsweise 30-40 Prozent der Menschenmenge
entschied sich, das gleiche zu tun. Die meisten Leute, die aus dem WTC
geflohen waren, standen nun in unmittelbarer Nähe, um dem Spektakel
zuzuschauen – und ahnten nicht, daß das Gebäude bald in Staub aufgehen
würde und alle unter den Trümmern begraben werden.
Die meisten rannten weg.
Andere nicht.
Allerdings hätte auch niemand je
damit gerechnet, daß die Twin Towers überhaupt einstürzen könnten. Als
Bauingenieur hätte ich erwartet, daß das Gerüst des Gebäudes bis zum
Ende stehen bleiben würde, bis das Feuer ausgebrannt ist. Soviel
stabiler Stahl und 110 Stockwerke von Beton. Der meiste Schaden- so wie
das Bombenattentat von 1993 – würden nur einen isolierten Teil
betreffen. Niemand hätte je Zweifel an der Stabilität dieses Bauwerkes
gehabt. Selbst die Flugzeug-abstürze an diesem Tag schienen das Gebäude
nicht einmal erschüttert zu haben. Und das Feuer würde bald gelöscht
werden, dachte ich.
Mit einem schweren Koffer in der Hand lief ich zunächst schnell weg und
wurde dann immer langsamer in das Greenwhich Village herum. Es waren
viele Menschen unterwegs. Man hatte fast das Gefühl auf einem
Strassenfest zu sein, nur hatten die Menschen alle traurige und
entsetzte Gesichter. Die Leute riefen in alle Richtungen. Einige liefen
nach Norden, um zu flüchten, einige liefen nach Süden, um näher am
Geschehen zu sein. Einige Menschen versammelten sich rund um Taxis oder
andere Autos, die ihr Radio eingeschaltet und auf volle Lautstärke
aufgedreht hatten, damit alle Leute mithören konnten. Aus dem Radio
erfuhren wir auch, daß das Pentagon ebenfalls getroffen wurde und daß es
sich um landesweite Terror-Angriffe handle. Ich hatte Angst zu einem der
Bahnhöfe zu gehen, weil das hätte ja ein potenzielles Ziel der
Attentäter sein können. Im Greenwhich Village zu verweilen erschien für
mich am sichersten zu sein.
Das Unglaubliche: Die Türme
stürzen ein
Ich lief weiter Richtung Norden. Ab und zu drehte ich mich um, um zurück
auf die rauchen-den Türme zu schauen. Das Feuer und der Rauch wurden
immer schlimmer und ich konnte aus der Ferne immer noch Menschen aus dem
Turm springen sehen. Plötzlich hörte ich Leute „Oh my god“ schreien. Ich
sah hin und der Südturm stürzte genau vor meinen Augen ein. Es sah aus
wie eine fachmännische Gebäude-sprengung, bei dem Das Beton von oben bis
unten in einer Staubwolke aufgehen. Das alles ging verdammt schnell. Ich
war so schockiert von diesem Anblick, daß ich das Gefühl hatte mir würde
das Herz stehenbleiben. Das World Trade Center war die letzten 9 Jahre
mein Arbeitsplatz gewesen mit vielen, netten Erinnerungen – und
plötzlich lag es in Schutt und Asche. Eine halbe Stunde später stürzte
der Nordturm auf die selbe Art und Weise ein. Das ist so traurig, so
verdammt traurig.
Ein Schock ging durch meinen Körper. Ich dachte an die vielen
Feuerwehrmänner und Polizisten. Die müssen ja alle noch im Gebäude
gewesen sein. Keiner konnte den Einsturz auch nur erahnen. Es muß eine
Menge von Feuerwehrmännern gegeben haben, die versucht haben, bis in den
90. Stock zu kommen um das Feuer zu löschen. Es waren sicherlich noch
Hunderte von der Port Authority und von der Verwaltung überall im
Gebäude unterwegs. Die wurden jetzt alle begraben. Für einen kurzen
Moment versuchte ich mich an die zwei Polizisten zu erinnern, die sich
beeilten uns zu evakuieren, an Ihre Gesichter, Ihre Stimmen, an die
Helfer, an denen ich einfach vorbeigelaufen bin, ohne sie zu grüßen. Ihr
Job war es uns zu helfen, uns aus der Gefahren-zone zu retten und dabei
mußten sie selbst in der Gefahrenzone bleiben. Sie sind nun für immer
weg, tief unter all den Trümmern. Ich dachte an ihre Familien, an ihre
Kinder. Mein Herz konnte diesen Schmerz nicht ertragen.
Endlich erreiche ich meine
Frau
Ich traf auf jemanden, der ein funktionierendes Handy hatte. Ich fragte
ihn, ob ich es mir borgen könnte, um meine Frau anzurufen. Der Mann
entpuppte sich als Geschäftseigentümer und er lud mich ein, es von
seinem Festnetz-apparat zu versuchen. Ich sagte „Ich bin’s“. Als ich
ihren Namen rief, bekam ich zunächst keine Luft mehr und es schüttelte
mich, für etwa 15 Sekunden lang.
Ich
kam erst gegen 22 Uhr nach Hause. Meine Frau sagte, das Telefon hätte
seit 9 Uhr morgens ununterbrochen geklingelt. Alle wollten wissen, ob
alles mit mir in Ordnung sei. Meine Eltern riefen an, meine Brüder und
Schwestern, Nachbarn, Bekannte aus der Kirche, aus unserer Chor-gruppe,
Kollegen, viele aus Kalifornien, Taiwan. Viele Anrufe kamen von Leuten,
von denen ich schon sehr lange nichts mehr gehört hatte. Ich habe noch
nie in meinem Leben so viel Extreme an einem Tag erlebt. Zuerst die
Tragödie der Kata-strophe, das Schicksal der Menschen. Und am Abend
diese Liebe von Freunden und Verwand-ten und diese Anteil-nahme. Diesen
Tag werde ich mein Leben lang nicht vergessen. |