Stories about New York
and New Yorkers
 
 
05.09.2010 - 13:28 Uhr
 
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katjas new york

Photo copyright Ruthe Zuntz
Steigerungen und Wohnungsnot

Der Flug war turbulent. Aber gluecklicherweise hatte eine gute Erwachsenenportion Melatonin meinen Koerper so schlafwillig gemacht, dass mich das heftige Geruckel nur noch tiefer in den Schlaf wiegte. Bei der Landung quaelte mich ein Gedanke: Werden die "Fuck off, Starbucks"-Aufkleber in meiner Geldboerse meine Einreise verhindern, da sie mich als potentiell wirtschaftsfeindlich entlarven?

Starbucks ist eine Art MacKaffee, also eine Kette, die es sich zum Ziel gesetzt haben scheint, sich das wenige an amerikanischer "Kaffeehauskultur" komplett einzuverleiben. Besitzer kleiner, possierlicher Stadtteilcafes werden dazu unsanft aus ihren Laeden gemobbt. Kippelige Stuehle und zur Explosion neigende Espressomaschinen werden durch IKEA-schickes Sitzmobilar und HighTech-Aufbruehmaschinerie ersetzt. Nichts wird dem Zufall ueberlassen: Es lebe die Einheitlichkeit!

Und dann sass ich in einem gelben Taxi und fuhr tatsaechlich durch die Strassen von New York. Und dann lief ich tatsaechlich durch die Strassen von Manhattan. Wann immer ein paar Haeuserzeilen den Blick auf das Empire State Building freimachten, wollte ich vorbei eilende Passanten am Aermel zupfen und zum Bewundern dieses bezaubernd schoenen Gebaeudes zwingen.

Es ist unglaublich. Unglaublich schoen. Unglaublich unglaublich. Der Himmel ist blauer, das Leitungswasser ist durchsichtiger und der Muell in den Tonnen geschmackvoller arrangiert. ... Wird meine Kritikfaehigkeit eigentlich jemals wieder einsetzen? Aber wie soll ich um Gottes Willen kritisch sein, wenn alles so toll ist?

Nehmen wir meinen Arbeitsplatz: Davon abgesehen, dass ich an meinem ersten Tag schon den Auftrag fuer einen kleinen Beitrag bekommen habe und meine Kolleginnen richtig nett zu sein scheinen, befindet sich das Buero zu allem Ueberfluss direkt an Broadway und Time Square. Ich kann aus der 20. gURL.com-Etage auf verdammt viele, verdammt hohe Riesenhaeuser sehen.

In der kurzen Zeit ist es mir schon gelungen, einige Verhaltensauffaelligkeiten zu entwickeln: Eigentlich moechte ich mich ausschliesslich rennend und springend fortbewegen (muss aber natuerlich aus entfernungstechnischen Gruenden ab und an die Metro in Anspruch nehmen, die ich wohl fuer immer ganz londonerisch "Tube" nennen werde). Ich habe auch eine Tendenz zum Selbstgespraech entwickelt: "Abgefahrene Scheisse!" faellt sehr oft. "Ich kann es nicht fassen!" ist gleich auf Rang 2 dahinter. Ihr findet das seltsam? Uebertrieben? Kommt her und Ihr wisst: Es ist weder das eine noch das andere.

Ein Experiment: Nehmt Euren absoluten Lieblingssong Eurer absoluten Lieblingsband. Dreht die Anlage bis zum Anschlag auf und setzt Euch direkt davor. Es ist durchaus moeglich, dass das was Ihr jetzt fuehlt, dem nahe kommt, was ich in den Strassen von Manhattan fuehle. Konstant. Und dann kommt ein Obdachloser durch die Metro und erzaehlt von seiner AIDS-Erkrankung. Du drueckst ihm einen Quarter in die Hand und bist dann doch wieder zurueck in einer Realitaet, die nicht so schoen im Bauch kribbelt.
© Katja Bartholmess, Autorin+Texterin
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