Gleich vor meiner Haustür fährt ein Bus ab. Wenn man ein wenig Zeit hat, kann man damit die gesamte 5
th Avenue gen Süden fahren und staunend beobachten, wie sich das Gesicht der City verändert. Zuerst fährt man an allen erdenklichen Museen vorbei, denn mein Apartmenthaus (komplett mit Dachgarten und Türpersonal) befindet sich direkt am nördlichen Ende der Museumsmeile. Der Central Park zieht auf der rechten Seite vorbei, während auf der linken Seite das Guggenheim Museum, das Metropolitan Museum of Art, die Frick Collection und andere Horte der Kunst einander abwechseln.
Dann hört der Park auf der rechten Seite auf und man kommt in einen Bereich, der auch gerne mit einem "Willkommen im Kapitalismus!"-Schild markiert sein könnte. Hier findet man die 5
th Avenue, wie man sie sich immer vorgestellt hat: Man kann das "Ka-Tsching" der Ladenkasse beim Anblick der Auslagen förmlich hören. Gucci-Läden, groß wie ganze Karstadt-Kaufhäuser, Möbelläden, die einen schon beim Kauf der lumpigsten Seifendose in den finanziellen Ruin treiben könnten, Restaurants, deren livrierte Türsteher wahrscheinlich in Gelächter ausbrechen würden, wenn ich sie um Einlass bäte. Und das ist wirklich nur der Anfang.
Aber irgendwann ist man auch daran vorbei und während sich der Bus weiter durch den Verkehr hupt, werden die Haare der Menschen langsam aber sicher schwarzbunter, die Kleidung nachahmenswerter und die Tätowierungsdichte höher. Wir sind im East Village angekommen. Und hier? Hier kann man getrost die ganze Nacht verbringen.
Wenn ich nicht den ganzen Tag liebevoll vor mich hin jounalisten würde, täte ich das sicher auch viel öfter. So aber schreibe ich Artikel, die auf ihre Veröffentlichung warten, pflege die Community-Seiten, untersuche Einsendungen nach veröffentlichbarem Material und bekomme so ganz nebenbei den Auftrag, mit einer Mitpraktikantin die wirklich schöne isländische Band Mum zu interviewen.
Oh mein Gott! Meine zweite Woche und ich werde eine richtig echte Band interviewen, deren New Yorker Konzert seit einer Woche ausverkauft ist. Wie aufregend das ist! Insgeheim bin ich froh, dass es nicht Radiohead ist. Es wäre sicher für alle Beteiligten sehr peinlich, wenn ich mich in tiefer Demut vor Thom Yorke auf den Boden werfen würde, noch bevor ich die erste Frage heraus bekommen habe. Aber nach meinem ersten richtigen Bandinterview werde ich auch für die größeren Kaliber gewappnet sein!