Stories about New York
and New Yorkers
 
 
05.09.2010 - 13:08 Uhr
 
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katjas new york

Photo copyright Ruthe Zuntz
Auf der Suche nach Stereotypen

Die Kellnerin nimmt sich Zeit. Also habe ich ein wenig Zeit, das Interieur des "Trailer Park Lounge and Grills" zu bewundern. Auf der Wäscheleine über der Bar hängen hässliche Unterhosen, eine blondierte Perücke, ein Leopardenrock und Strumpfhosen. An die Decke geklebtes Lametta weht bündelweise im Ventilatorwind und die verschiedenen Plastikflamingos stehen im engen Konkurrenzkampf um den Titel der hässlichsten Farbtönung. Genau hinter meinem Kopf hängt ein Foto von einem sehr übergewichtigen Elvis Presley.

Ich bin in das Manhattaner Viertel Chelsea gefahren, um "White Trash" zu finden. Zu deutsch "Weißer Müll", entspricht White Trash in weiten Teilen dem Vorurteil, dass viele amerikanophobe Mitteleuropäer von der amerikanischen Population an sich haben. Lasst mich das erklären: Laut (natürlich äußerst fragwürdiger) Definition handelt es sich bei White Trash um Kulturbanausen mit niedrigem geistigen Niveau und schlechtem Geschmack, die sich bei schalem Büchsen-Budweiser mit lauter Stimme rassistische Witze erzählen und deren Horizont spätestens bei der Nasenspitze endet. Während "wir" jedoch oft genau das oben beschriebene im Hinterkopf haben, wenn wir "Amerikaner" sagen; meinen AmerikanerInnen mit der Bezeichnung White Trash den Teil der weißen Bevölkerung, der sich am wenigsten wehren kann und den man nun ganz bequem für alles verantwortlich machen kann: Für die negative Reputation im Ausland, für den Niedergang der Wirtschaft und mit ein bisschen gutem Willen bestimmt auch für das schlechte Wetter.

Da diskriminierende Zuschreibungen, wie White Trash in letzter Zeit von den Etikettierten selbst immer öfter angenommen werden und mit positiven Inhalten gefüllt werden, kann man im Internet immer mehr Seiten finden, die White Trash als Popkultur zelebrieren und einen gewissen Stolz nicht verhehlen (z.B. http://www.whitetrashworld.com oder http://www.jolenestrailerpark.com). Und ich kann heute im "Trailer Park " sitzen und mich fragen, ob die Unhöflichkeit der Kellnerin Teil des Konzepts ist. (Trailer sind übrigens Riesenwohnwagen, die in großer Zahl zusammen aufgestellt einen Trailer Park (oder politisch korrekter: eine "manufactured home community") bilden und als bevorzugte Wohnstätte von White Trash gelten.)

Nachdem ich nach einigem hin und her endlich das richtige Sandwich in den Händen halte (mit gegrilltem Käse und Süßkartoffel-Pommes als Beilage), fangen betrunkene Menschen auf einmal an, Tänze zu üben und Lieder zu singen. Ich entscheide mich, ihnen sympathisierend zuzunicken. "Yeah, White Trash eben." denke ich. Als ich nach vollendetem (und wirklich leckerem) Mahl versuche, meine frittenfettigen Hände mit Hilfe großer Mengen Küchenrollenpapiers und Spucke zu säubern, reiße ich mein noch halbvolles Plastikglas um. Während ich verschämt Eiswürfel zurück ins Glas picke, wird mir klar: Ich hätte weder rosafarbenen Nagellack, noch pinkfarbenen Lipgloss auftragen müssen. White Trash ist in jedem von uns.
© Katja Bartholmess, Autorin+Texterin
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