Freisinger Neueste Nachrichten,
Süddeutsche Zeitung. 19. September 2001 - von Petra Schnirch

„Es fällt schwer, zum Alltag zurückzukehren“


Der Bruder von Martina Scheubeck aus Paunzhausen wurde Augenzeuge des schrecklichen Terroranschlags in New York


Paunzhausen
- Es dauerte Stunden, bis Martina Scheubeck am Dienstag vor einer Woche wusste, dass es ihren Brüdern und dem Vater gut geht. Bange Stunden des Wartens, denn ihr Bruder Marc wohnt seit zwei Jahren in New York, der Rest der Familie in der Nähe von Washington.

Sie war gerade auf dem Weg nach Pfaffenhofen, als sie im Autoradio von den Anschlägen hörte. „Zuerst habe ich gedacht, das ist ein Scherz“, erzählt die junge Mutter, die in Paunzhausen lebt. Wie sie später erfuhr, wollte ihr Bruder Marc Labitzky gerade zu seiner Computerfirma aufbrechen. Die Freundin ihres anderen Bruders war bei einem Vorstellungsgespräch, nur zwei Häuserblocks vom Pentagon entfernt. Aufgeschreckt durch einen gewaltigen Schlag sei Labitzky auf das Dach seines Wohnhauses in Manhattan gegangen – etwa fünf Kilometer vom World Trade Center entfernt. Erschreckend nah bei einem Inferno wie diesem. Dort sei er Augenzeuge geworden, wie sich das zweite Flugzeug in den Turm bohrte und das Gebäude anschließend wie ein Kartenhaus zusammenstürzte.

Seine Bilder und Erlebnisse sind im Internet zu sehen, auf einer eigenen Homepage. Seine Schwester vermutet, dass er das Gesehene, das Unfassbare damit verarbeiten muss. Außerdem kann er sich auf diese Weise seiner Familie in Deutschland mitteilen – denn noch immer ist es nicht leicht, per Telefon Kontakt zu bekommen, wie Martina Scheubeck erzählt.
 

Die Homepage wird immer wieder ergänzt, die Schilderungen machen beklommen. Mit Wasser und Lebensmitteln für die Helfer sei er bis zu der Stelle gegangen, an der einst die beiden mächtigen Türme des World Trade Centers standen. „Auf einem Gebiet der Größe von zehn mal zehn Häuserblöcken liegen Millionen von Tonnen Schutt und Asche. Das entspricht dem Jahresvolumen des erzeugten Mülls der gesamten USA“, schreibt er. Auch von den ergreifenden Szenen der Angehörigen, die nach Vermissten suchen, berichtet er.

Seit dem Attentat habe sich ihr Bruder sehr verändert, erzählt Martina Scheubeck. Am ersten Tag habe er gar nicht richtig reden können, als stehe er unter Schock. Trotz der Erleichterung, dass Verwandte und Freunde lebten, falle es ihm schwer zum Alltag zurückzukehren. Und auch sie selbst sei nervös, habe Angst, wie es weitergeht, sagt die Paunzhausenerin.

Petra Schnirch